Foto-Theorie NEU gelesen: Jens Schröter und die „post-fotografischen“ Bilder

Die in den neunziger Jahren einsetzende Debatte über die digitale Fotografie hat es vorgemacht und wiederholt sich momentan in anderer, teilweise nicht minder hysterischer Form im Hinblick auf manche populären Überlegungen zur künstlichen Intelligenz: technologische Veränderungen führen in Diskussionen um das Fotografische zu theoretischen Verunsicherungen über den Status des Mediums. Von einer Mehrheit werden sie als Angriff auf das scheinbar genuin analoge, „wahre“ Medium begriffen und als „Verlust“ oder „Verfall“ verstanden.

Um diese Sichtweisen zu differenzieren empfiehlt sich der Blick über den Tellerrand in benachbarte Disziplinen – wie etwa der Medienwissenschaft. Ein Vertreter dieses Faches, der darüber hinaus bereits mehrfach seine Kenntnis künstlerischer Bild-Formen unter Beweis gestellt hat, ist Jens Schröter, Lehrstuhlinhaber für Medienkulturwissenschaft an der Universität Bonn. Mir ist kein Vertreter unserer oder einer angrenzenden Disziplin der Bildwissenschaften bekannt, der eine umfangreichere Kenntnis der zeitgenössischen Bild- und Mediengeschichte besitzt, wie Schröter. Seine Publikationsliste ist atemberaubend bzw. thematisch geradezu erschreckend umfassend.

Im Unterschied zu Peter Geimers Auswahl für den fünften Band der „Theorien der Fotografie“ greife ich im Folgenden (mit einem gewissen Akt der Willkür) einen Aufsatz von Schröter auf, der in leicht veränderter Form zwei Mal erschienen ist, einmal unter dem Titel „Das Ende der Welt. Analoge und Digitale Bilder – mehr oder weniger Realität?“ in einem Sammelband aus dem Jahr 2004 und kurz zuvor in der Zeitschrift „Fotogeschichte“ als „Virtuelle Kamera. Zum Fortbestand fotografischer Medien in computergenerierten Bildern“. Es geht hier um die Frage nach dem „postfotografischen“ Zeitalter, das sich als Resultat des „Ende des fotografischen Zeitalters“ versteht, das im deutschsprachigen Raum in den von Herta Wolf editierten Suhrkamp-Bänden „Paradigma Fotografie“ und „Diskurse der Fotografie“ prominent Ausdruck gefunden hat.

Schröter sieht den Einsatz des Begriffs, dessen historisches Auftauchen er auf das Jahr 1991/92 datieren kann, häufig verbunden mit einem „geradezu unaufhörliche(n) Gerede über den (vermeintlichen) Realitätsverlust in der ‚postfotografischen‘ Gegenwart“ (336) und setzt dagegen: „Man könnte sogar stärker formulieren, dass digitale Bilder zwar ‚referenzlos‘ sein können, weil sie nichts Reales abbilden müssen. Aber oft und abhängig von der diskursiven Praxis, in der sie eingesetzt werden, besitzen sie einen sehr deutlichen, gewünschten und funktionalen Weltbezug, der sogar umfassender sein kann als jener fotochemisch erzeugter Bilder.“ (336 f.)

Er begründet diese steile These nun mit einer eindrucksvollen Darlegung zu technisch-mathematische Geschichte des digitalen Bildes (vor allem in seiner militärischen Karriere), die er einem rasanten Report beschreibt. Ich gehe hier auf keine Details ein, aber die Lektüre lohnt. An seinem Ende steht für Schröter auf jeden Fall die Ablehnung einer rein negativen Sicht auf das digitale Bild. Deshalb warnt er vor einer überzogenen Kritik an diesen: „Vielleicht besteht das ideologische Moment in der Debatte über digitale Bilder mithin darin, deren verschiedene Formen von Weltbezug zu leugnen. Die Betonung der repressiven Machtfunktion der Möglichkeiten digitaler Bilder, also die Unterdrückung von Wahrheiten durch Manipulation, verstellt tendenziell den Blick auf die – im Sinne Foucaults – produktiven Machteffekte der neuen Bilder: Woher kommt eigentlich die geradezu zwanghafte Idee nur ein unberührtes, automatisches Bild könne oder müsste in irgendeinem Sinne ‚wahr‘ oder ‚objektiv‘ sein? Eine schwierige, nur historisch mühsam auszuarbeitende Frage.Der Verdacht drängt sich aber auf, dass die noch immer ständig aufgebau(sch)te Trennung von ‚Wahrheit‘ und ‚Manipulation‘ – analog und digital – Symptom einer spezifischen sozialen Realität ist.“ (353 f.)

In seinem Beitrag für „Fotogeschichte“ konkretisiert er, dass – abgesehen von banalen Retuschen, zu denen er Arbeiten von Dieter Huber und Aziz + Cucher aus den 90er Jahren rechnet – speziell in der künstlerischen Fotografie medienkritische Ansätze produktive Formen der digitalen Technik fruchtbar gemacht werden, wie sie schon Vilém Flusser in den achtziger Jahren beschworen habe. – Im Anschluß an diese Lektüre mag man sich fragen, ob man dieser Argumentation nicht auch im Hinblick auf den Einsatz von KI in der künstlerischen Fotografie folgen kann?

Jens Schröter: Virtuelle Kamera. Zum Fortbestand fotografischer Medien in computergenerierten Bildern, in: Fotogeschichte, Jg. 23, H. 88, 2003, S. 3-16

Ders.: Das Ende der Welt. Analoge und Digitale Bilder – mehr oder weniger Realität?, in: Jens Schröter/Alexander Böhnke (Hrsg.), Analog/Digital – Opposition oder Kontinuum? Beiträge zu Theorie und Geschichte einer Unterscheidung, Bielefeld 2004, S. 335-354

Stefan Gronert

…ist Kurator für Fotografie am Sprengel Museum Hannover

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